Der ROI-Bluff: Warum 90 Prozent der Personalentwicklungs-KPIs Bullshit sind
Unternehmen geben Milliarden für Personalentwicklung aus und feiern beeindruckende KPIs: 95 Prozent Teilnahmequote, 4,8 von 5 Sternen Zufriedenheit, 120 durchgeführte Workshops. Klingt großartig – bedeutet aber nichts. Die harte Wahrheit: Die meisten Personalentwicklungs-KPIs messen Aktivität, nicht Wirkung. Sie zählen, was leicht zu zählen ist, statt zu messen, was wirklich zählt. Der TalentLMS-Report zeigt: 84 Prozent der Mitarbeitenden sind mit Training zufrieden. Aber Zufriedenheit ist keine Kompetenz. Es ist das Äquivalent zu "Das Seminar war nett" – während das Unternehmen hofft, dass "nett" sich in Performance übersetzt.
Die Illusion der Messbarkeit
Warum messen Unternehmen die falschen Dinge? Weil es einfach
ist. Teilnahmequoten lassen sich aus Learning-Management-Systemen exportieren.
Zufriedenheitsbewertungen kommen per Knopfdruck. Zertifikate sind zählbar. Doch
diese Metriken sagen nichts darüber aus, ob Lernen zu Verhaltensänderung führt,
ob Verhaltensänderung zu besserer Performance führt, oder ob bessere
Performance zu messbaren Business-Ergebnissen führt.
Die Haufe-Akademie-Studie zeigt einen Lichtblick: 32,1
Prozent der Unternehmen nutzen Erfolgsmessung mittlerweile als Basis für
Investitionsentscheidungen. Das ist ein Fortschritt – aber auch ein
Armutszeugnis. Es bedeutet, dass 68 Prozent der Unternehmen immer noch in
Personalentwicklung investieren, ohne zu wissen, ob es funktioniert. Stell dir
vor, du würdest Marketing-Budget ohne Conversion-Tracking ausgeben oder
Maschinen kaufen ohne Produktivitätsmessung. In der Personalentwicklung ist das
Standard.
Key Takeaways:
- 84
Prozent Trainings-Zufriedenheit sagt nichts über echte
Kompetenzentwicklung aus
- Nur
32,1 Prozent der Unternehmen nutzen Erfolgsmessung für
Investitionsentscheidungen
- 76
Prozent der Retention-Investitionen zeigen positiven ROI innerhalb von 12
Monaten. Unternehmen investieren durchschnittlich 4.700 Dollar pro
Mitarbeiter in Retention-Programme
- Engagement-basierte
Führungskräfte-Entwicklung steigert Rentabilität um 23 Prozent
Die drei Ebenen echter ROI-Messung
Echte ROI-Messung in der Personalentwicklung hat drei Ebenen
– und die meisten Unternehmen kommen über Ebene 1 nicht hinaus:
Ebene 1: Reaktion und Lernen
Das ist die Komfortzone: Zufriedenheitsumfragen, Wissenstests, Teilnahmequoten.
Diese Metriken sind nicht wertlos – sie zeigen, ob ein Training gut gemacht
ist. Aber sie sagen nichts über Transfer in die Praxis aus. Ein Mitarbeiter
kann beim Abschlusstest 100 Prozent erreichen und trotzdem keine einzige
Erkenntnis im Job anwenden.
Ebene 2: Verhaltensänderung
Hier wird es schwieriger: Hat sich das tatsächliche Verhalten geändert? Nutzen
Führungskräfte nach einem Feedback-Training tatsächlich neue
Gesprächstechniken? Wenden Vertriebler neue Verkaufsstrategien an? Das
erfordert 360-Grad-Feedbacks, Beobachtungen, Follow-up-Interviews – alles
aufwendig und qualitativ. Deshalb machen es wenige.
Ebene 3: Business-Impact
Die Königsdisziplin: Führt Verhaltensänderung zu messbaren
Business-Ergebnissen? Steigt die Produktivität? Sinkt die Fluktuation?
Verbessert sich die Kundenzufriedenheit? Steigen Umsätze? Das ist echte
ROI-Messung – und hier versagen die meisten Programme, weil die kausale Kette
komplex ist und andere Faktoren (Marktbedingungen, neue Tools, organisatorische
Veränderungen) schwer zu isolieren sind.
Was NICHT funktioniert:
- Zufriedenheitsumfragen
als einzige Erfolgsmetrik
- Zertifikate
und Teilnahmequoten als Performance-Indikatoren
- ROI-Berechnung
ohne Berücksichtigung von Opportunitätskosten
- Annahme,
dass Lernen automatisch zu Performance führt
- Keine
Baseline-Messung vor der Intervention (kein Vergleich möglich)
Was funktioniert:
- Pre-Post-Vergleiche
mit Kontrollgruppen (wo möglich)
- Verhaltens-Tracking
über 3-6 Monate nach Training
- Verknüpfung
von Learning-Metriken mit Business-KPIs (Produktivität, Retention, Umsatz)
- Qualitative
Interviews mit Teilnehmenden und deren Führungskräften
- Langfristige
Kohorten-Analysen (nicht nur kurzfristige Snapshots)
Die Deloitte-Lektion: ROI ist messbar – wenn du bereit
bist, genau hinzusehen
Deloitte hat eine eingehende Analyse zum ROI von
Führungstrainings durchgeführt: Jede investierte Euro führt zu signifikanter
Umsatzsteigerung. Unternehmen, die kontinuierlich in Führungsentwicklung
investieren, erzielen langfristig nachhaltige Rentabilitätssteigerungen. Die
Gallup-Daten zeigen: Engagierte Teams verzeichnen 18 Prozent höhere
Produktivität und 23 Prozent höhere Rentabilität.
Doch hier ist der Clou: Diese Studien messen nicht nur
Zufriedenheit. Sie tracken Verhalten über Monate, verknüpfen Führungsqualität
mit Team-Performance und isolieren den Einfluss von Training gegenüber anderen
Variablen. Das ist aufwendig, teuer und methodisch anspruchsvoll – aber es
liefert echte Erkenntnisse. Unternehmen, die ROI ernst nehmen, investieren in
diese Messinfrastruktur. Der Rest feiert Teilnahmequoten.
Die Rechnung: Echte vs. Schein-KPIs
Schein-Erfolg (klassische KPIs):
- Teilnahmequote:
92 Prozent
- Zufriedenheit:
4,6 von 5 Sternen
- Zertifikate:
180 ausgestellt
- Durchgeführte
Trainings: 45
- Kosten:
250.000 Euro
- Messbare
Business-Impact: Unbekannt
Echter Erfolg (impact-basierte KPIs):
- Verhaltensänderung
(6 Monate Post-Training): 68 Prozent der Teilnehmenden wenden neue
Techniken an [gemessen via 360-Grad-Feedback]
- Produktivitätssteigerung
in trainierten Teams: Plus 18 Prozent
- Fluktuation
in trainierten Teams: Minus 12 Prozent (von 18 auf 6 Prozent)
- Wiederbeschaffungskosten
gespart: 360.000 Euro (6 Personen à 60.000 Euro)
- Kosten:
250.000 Euro
- ROI:
144 Prozent (Nettogewinn: 110.000 Euro)
Die Frage ist nicht: "War das Training gut?" Die
Frage ist: "Hat es das Unternehmen messbar besser gemacht?"
Warum HR den ROI-Kampf verliert
HR-Abteilungen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Während
Marketing präzise Conversion-Raten präsentiert und Vertrieb Umsatzzahlen
liefert, kommt HR mit Teilnahmequoten und Zufriedenheitsbewertungen. Das Signal
an die Geschäftsführung: "Wir wissen nicht, ob unsere Arbeit wirkt – aber
die Leute fanden es nett."
Die Konsequenz: Personalentwicklungs-Budgets werden gekürzt,
wenn es eng wird, weil niemand beweisen kann, dass sie unverzichtbar sind. Ein
Marketing-Manager würde gefeuert, wenn er sagt: "Wir haben 250.000 Euro
ausgegeben, 92 Prozent der Leute haben unsere Anzeige gesehen, und sie fanden
sie toll – aber ob wir dadurch mehr verkauft haben? Keine Ahnung." In der
Personalentwicklung ist das Alltag.
Checkliste: Misst deine Organisation echten ROI?
Beantworte ehrlich:
- Gibt
es Pre-Post-Vergleiche für kritische Trainings?
- Werden
Verhaltensänderungen über mindestens 3 Monate nach Training getrackt?
- Sind
Learning-KPIs mit Business-KPIs verknüpft (Produktivität, Retention,
Umsatz)?
- Nutzt
du Kontrollgruppen, um den isolierten Effekt von Training zu messen?
- Werden
qualitative Interviews mit Teilnehmenden und deren Führungskräften
durchgeführt?
- Basieren
Investitionsentscheidungen auf Impact-Daten (nicht nur Aktivitäts-Daten)?
- Gibt
es ein systematisches Follow-up 6-12 Monate nach Training?
- Werden
Opportunitätskosten (Zeit, die nicht produktiv genutzt wurde) in
ROI-Berechnungen einbezogen?
Wenn weniger als 4 Punkte zutreffen: Du misst Aktivität,
nicht Wirkung. Deine Personalentwicklung ist ein Blackbox-Budget.
Wenn weniger als 2 Punkte zutreffen: Du weißt nicht, ob
deine Trainings funktionieren. Du hoffst es nur.
Von Schein-KPIs zu Impact-Metriken: Der
Transformationsplan
Der Shift von Aktivitäts- zu Impact-Messung ist kein Projekt
– es ist eine strategische Neuausrichtung. Es erfordert Investment in
Mess-Infrastruktur, Commitment von Leadership und Mut, unbequeme Wahrheiten zu
akzeptieren. Nicht jedes Training wird positiven ROI zeigen. Manche Programme
sind Geldvernichtungsmaschinen. Aber nur wenn du misst, kannst du optimieren.
Der erste Schritt: Wähle 3 strategisch kritische Trainings
aus und implementiere vollständiges Impact-Tracking. Baseline-Messung vor
Training, Verhaltens-Tracking nach 1, 3 und 6 Monaten, Verknüpfung mit
Business-KPIs, qualitative Interviews. Ja, es ist aufwendig. Aber die
Erkenntnisse sind Gold wert – und du baust interne Kompetenz für echte
Erfolgsmessung auf.
Der zweite Schritt: Präsentiere Ergebnisse der
Geschäftsführung – mit derselben Präzision wie ein CFO seine Quartals zahlen.
Zeige nicht nur, was du getan hast, sondern was es gebracht hat. ROI in Euro,
nicht in Zufriedenheits-Sternchen. Das verändert die Wahrnehmung von HR von
"Soft-Skills-Abteilung" zu "strategischer
Business-Partner".
Die meisten Personalentwicklungs-KPIs sind Vanity Metrics –
sie fühlen sich gut an, bedeuten aber nichts. Echte ROI-Messung ist unbequem,
aufwendig und konfrontiert dich mit der Möglichkeit, dass manche Programme
nicht funktionieren. Aber sie ist der einzige Weg, Personalentwicklung vom
"Nice-to-Have" zum strategischen Wettbewerbsvorteil zu machen.
Deine Aktion jetzt:
Nimm dein größtes Personalentwicklungs-Programm. Miss es wirklich. Nicht
Teilnahmequote, nicht Zufriedenheit. Miss Verhaltensänderung und
Business-Impact. Die Wahrheit wird wehtun – aber sie wird dich besser machen.
Weitere Impulse zur Personalentwicklung findest du auf KPAuthor.io – und
diskutiere gerne in den Kommentaren: Wie misst du ROI in deiner Organisation?
Über den Autor:
Kyriakos Papadopoulos schreibt über Personalentwicklung, toxische Führung und
die Zukunft der Arbeit. Seine Bücher: "Personalentwicklung:
Zwischen Macht, Führung und Wirklichkeit". Mehr auf KPAuthor.io.
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