Der unsichtbare Diebstahl: Wenn Projektleiter die Arbeit ihrer besten Mitarbeiter als eigene verkaufen
Eine Geschichte über toxische Führung, gestohlene Ideen und die systematische Zerstörung von Talent – und was Personalentwicklung dagegen tun muss.
Prolog: Die Geschichte von Michael
Michael ist seit drei Jahren Softwareentwickler bei einem
mittelständischen Finanzdienstleister. Er ist kompetent, innovativ und hat in
den letzten zwei Jahren drei kritische Projekte maßgeblich zum Erfolg geführt.
Sein Problem: Niemand weiß es.
Denn sein Teamleiter, Thomas, präsentiert diese Erfolge als
seine eigenen.
Was genau passiert ist:
Akt 1: Das gestohlene Konzept (Monat 1-3)
Michael entwickelt ein neues Konzept zur Automatisierung
eines Kreditprüfungsprozesses. Er arbeitet drei Wochen daran. In seiner
Freizeit. Er testet es. Er verfeinert es. Er dokumentiert es.
Am Montag präsentiert er es seinem Teamleiter Thomas im
1:1-Gespräch.
Thomas' Reaktion:
"Interessant. Lass mich das mal mit der
Geschäftsführung besprechen. Schick mir deine Unterlagen."
Zwei Wochen später:
Michael erfährt durch Zufall, dass Thomas das Konzept der
Geschäftsführung präsentiert hat. Als sein eigenes.
In der internen E-Mail steht:
"Ich habe ein innovatives Konzept entwickelt, das
unsere Kreditprüfung um 40% beschleunigen wird. Anbei die Dokumentation."
Michaels Name: Nirgendwo erwähnt.
Michaels erste Reaktion:
Er spricht Thomas darauf an. Vorsichtig.
"Thomas, ich habe gesehen, dass du mein Konzept
präsentiert hast. Aber mein Name wurde nicht erwähnt..."
Thomas' Antwort:
"Michael, versteh doch: Die Geschäftsführung will
von mir hören, nicht von Entwicklern. Ich bin der Teamleiter. Ich trage die
Verantwortung. Außerdem ist das gut für dich – wenn das Projekt erfolgreich
ist, profitierst du auch davon."
Michael schweigt. Er ist verwirrt. Ist das normal? Macht er
sich vielleicht zu wichtig?
Akt 2: Die Manipulation (Monat 4-6)
Das Projekt wird umgesetzt. Mit großem Erfolg.
Die Geschäftsführung lobt Thomas öffentlich. In der Town
Hall. Vor 200 Mitarbeitern.
"Ein großes Dankeschön an Thomas für diese
innovative Lösung. Das ist genau die Art von Führung, die wir brauchen."
Michael sitzt im Publikum. Niemand erwähnt ihn.
Aber es wird schlimmer:
Thomas kommt nach dem Meeting auf Michael zu:
"Michael, ich brauche deine Hilfe. Die
Geschäftsführung will, dass wir das Konzept auch auf andere Bereiche ausweiten.
Ich präsentiere das nächste Woche. Kannst du mir bis Freitag ein Konzept dafür
schreiben?"
Michael zögert.
Thomas fügt hinzu:
"Und noch etwas: Es wäre gut, wenn du mit Sarah
sprichst. Sie ist skeptisch gegenüber dem neuen Prozess. Wenn das von dir kommt
– als Kollege – nimmt sie das besser auf. Du musst nicht sagen, dass ich dich
darum gebeten habe. Sag einfach, du findest das eine gute Idee."
Michael fühlt sich unwohl. Er soll seine Kollegin
manipulieren? Damit sie eine Idee akzeptiert, die eigentlich von ihm stammt –
aber als Thomas' Idee verkauft wird?
Er lehnt ab.
"Thomas, ich fühle mich damit nicht wohl. Warum
sagst du Sarah nicht einfach selbst, warum das eine gute Idee ist?"
Thomas' Gesichtsausdruck verändert sich. Er wird kalt.
"Michael, ich verstehe, dass du jung bist. Aber in
der Unternehmenswelt funktionieren Dinge nun mal so. Wenn du nicht bereit bist,
im Team zu arbeiten, dann muss ich das zur Kenntnis nehmen."
Akt 3: Die Zerstörung (Monat 7-9)
Ab diesem Moment ändert sich alles.
Woche 1 nach der Ablehnung:
Thomas gibt Michael keine anspruchsvollen Projekte mehr. Nur
Routine-Aufgaben. Dokumentationen. Bug-Fixes.
Woche 3:
In einem Team-Meeting kritisiert Thomas Michael – zum ersten
Mal öffentlich:
"Michael, deine Dokumentation vom letzten Sprint ist
unvollständig. Das ist nicht das Niveau, das wir hier erwarten."
Die Dokumentation war vollständig. Michael weiß es. Aber er
widerspricht nicht. Er will keinen Konflikt.
Woche 6:
Michael erfährt, dass ein neuer Teamleiter eingestellt wurde
– Lisa. Sie soll ein paralleles Team aufbauen.
Thomas bittet Michael zum Gespräch:
"Michael, Lisa wird ein neues Team übernehmen. Ich
möchte, dass du mit ihr sprichst. Sie fragt vielleicht nach deinen Erfahrungen
mit mir. Es wäre gut, wenn du... diplomatisch bleibst. Du verstehst, was ich
meine."
Michael versteht. Thomas will, dass er Lisa nicht die
Wahrheit sagt.
Michael lehnt ab. Höflich, aber bestimmt.
"Thomas, wenn Lisa mich fragt, werde ich ehrlich
antworten. Ich werde niemanden schlecht machen. Aber ich werde auch nicht
lügen."
Woche 8:
Michael wird zu einem Gespräch mit der Geschäftsführung
eingeladen. Er ist verwirrt. Was will die Geschäftsführung von ihm?
Der Geschäftsführer, Herr Weber, beginnt:
"Michael, Thomas hat mir mitgeteilt, dass du in
letzter Zeit... schwierig geworden bist. Dass du nicht mehr teamorientiert
arbeitest. Dass du andere Kollegen kritisierst. Ist da etwas dran?"
Michael ist schockiert.
"Was? Nein. Ich... ich verstehe nicht. Wer hat das
gesagt?"
"Thomas. Und er macht sich Sorgen um dich. Er sagt,
deine Leistung hat nachgelassen. Und deine Einstellung auch."
Michael versucht, sich zu verteidigen. Er erklärt, was
wirklich passiert ist. Aber er merkt: Herr Weber glaubt ihm nicht. Oder will
ihm nicht glauben.
Das Gespräch endet unbefriedigend.
Woche 10:
Lisa, die neue Teamleiterin, spricht Michael in der
Kaffeeküche an:
"Michael, ich habe gehört, dass du sehr kompetent
bist. Hättest du Interesse, in mein neues Team zu wechseln?"
Michael ist erleichtert. Endlich ein Ausweg.
Aber:
Zwei Tage später erhält er eine E-Mail von HR:
"Lieber Michael, dein angefragter Teamwechsel ist
leider nicht möglich. Thomas hat mitgeteilt, dass du für aktuelle Projekte
unverzichtbar bist. Wir bitten um Verständnis."
Michael ist gefangen.
Akt 4: Der Rufmord (Monat 10-12)
In den nächsten Wochen eskaliert die Situation.
Thomas streut Gerüchte:
- Michael
sei nicht mehr motiviert.
- Michael
sei schwierig im Umgang.
- Michael
würde andere Kollegen kritisieren.
- Michael
sei nicht teamfähig.
Nichts davon stimmt.
Aber die Gerüchte verbreiten sich.
Was Michael nicht weiß:
Thomas hat in den letzten zwei Monaten systematisch mit
Kollegen, HR und der Geschäftsführung gesprochen. Immer dieselbe Botschaft:
"Ich mache mir Sorgen um Michael. Er ist fachlich
gut, aber menschlich schwierig geworden."
Die Technik:
Thomas kritisiert Michael nie direkt. Er tut es subtil. Mit
Sorge. Mit Bedauern.
"Ich würde Michael ja gerne fördern, aber er ist so
verschlossen geworden..."
"Michael hat großes Potenzial, aber er sabotiert
sich selbst..."
"Ich versuche alles, aber Michael zieht sich immer
mehr zurück..."
Das ist Rufmord. Systematisch. Subtil. Effektiv.
Finale: Die Kündigung (Monat 13)
Michael hält es nicht mehr aus.
Er hat keine Perspektive mehr. Er wird nicht mehr zu
Projekten eingeladen. Seine Ideen werden ignoriert. Sein Ruf ist zerstört.
Er kündigt.
Exit-Interview mit HR:
"Warum verlässt du uns, Michael? Du warst doch immer
so engagiert?"
Michael überlegt. Soll er die Wahrheit sagen?
Er entscheidet sich dafür:
"Thomas hat systematisch meine Arbeit als seine
eigene präsentiert. Er hat meinen Ruf beim Geschäftsführer beschädigt. Und er
hat verhindert, dass ich das Team wechseln kann. Ich sehe hier keine Zukunft
mehr."
Die HR-Mitarbeiterin notiert sich das.
"Das ist eine schwerwiegende Anschuldigung, Michael.
Hast du dafür Beweise?"
Michael hat keine Beweise. Nur seine Erfahrung. Sein Wort
gegen das Wort eines Teamleiters.
Vier Wochen später:
Michael ist weg. Ein neuer Entwickler wird eingestellt.
Thomas präsentiert in der nächsten Town Hall ein neues
Konzept.
Es ist Michaels Konzept. Das er vor seinem Abgang noch
fertiggestellt hatte.
Niemand weiß es.
Teil 2: Die Anatomie des toxischen Projektleiters – Verhaltensmuster im Detail
Michaels Geschichte ist keine Einzelfall. Sie ist ein
Muster. Ein System.
Lass uns analysieren, was hier wirklich passiert ist.
Muster 1: Credit Stealing – Der systematische
Ideendiebstahl
Was ist Credit Stealing?
Credit Stealing bedeutet: Eine Führungskraft präsentiert die
Arbeit, Ideen oder Erfolge von Mitarbeitern als ihre eigenen – ohne Anerkennung
oder Namensnennung.
Wie funktioniert es?
Phase 1: Die Ernte
- Die
Führungskraft fordert Mitarbeiter auf, Ideen zu entwickeln
- Sie
sammelt diese Ideen in 1:1-Gesprächen oder Team-Meetings
- Sie
verspricht, diese "nach oben zu tragen"
Phase 2: Die Aneignung
- Die
Führungskraft präsentiert die Ideen der Geschäftsführung
- Aber:
Als ihre eigenen
- Der
Name des Mitarbeiters wird entweder gar nicht erwähnt oder nur beiläufig
("Mein Team hat mitgeholfen")
Phase 3: Die Rechtfertigung
Wenn der Mitarbeiter protestiert:
- "Ich
bin der Verantwortliche. Ich muss das präsentieren."
- "Die
Geschäftsführung will von mir hören, nicht von Entwicklern."
- "Du
profitierst doch auch davon, wenn das Projekt erfolgreich ist."
- "Das
ist halt so im Business. Gewöhn dich dran."
Warum ist das so schädlich?
- Der
Mitarbeiter wird unsichtbar – Seine Arbeit wird nicht gewürdigt
- Karrierechancen
verschwinden – Niemand kennt seine Leistungen
- Motivation
stirbt – Warum sich anstrengen, wenn andere die Lorbeeren ernten?
- Vertrauen
wird zerstört – Der Mitarbeiter fühlt sich betrogen
Die Forschung zeigt:
Menschen, die Opfer von "Knowledge Theft"
(Ideendiebstahl) werden, reagieren mit:
- Territorialität
(sie verstecken ihr Wissen)
- Rückzug
(sie teilen keine Ideen mehr)
- Vergeltung
(sie sabotieren aktiv)
- Diese
Verhaltensweisen nehmen sie mit in neue Jobs
Das heißt: Toxische Führungskräfte schädigen Mitarbeiter
nachhaltig – sogar über die Kündigung hinaus.
Muster 2: Manipulative Delegation – Die
Instrumentalisierung von Mitarbeitern
Was ist manipulative Delegation?
Die Führungskraft delegiert nicht nur Aufgaben, sondern nutzt
Mitarbeiter als Instrumente für ihre eigenen Ziele – oft ohne deren Wissen
oder Einverständnis.
Konkrete Beispiele:
Beispiel 1: "Überzeuge deine Kollegen von meiner
Idee"
- Die
Führungskraft will eine Entscheidung durchsetzen
- Sie
weiß: Wenn es von ihr kommt, gibt es Widerstand
- Also:
Sie bittet einen Mitarbeiter, die Kollegen zu "überzeugen"
- Der
Mitarbeiter soll so tun, als wäre es seine eigene Überzeugung
Warum ist das toxisch?
- Der
Mitarbeiter wird manipuliert (er verkauft etwas, hinter dem er vielleicht
nicht steht)
- Seine
Beziehungen zu Kollegen werden instrumentalisiert
- Wenn
es schiefgeht, ist er der Schuldige – nicht die Führungskraft
Beispiel 2: "Sprich mit Person X – aber sag nicht,
dass ich dich geschickt habe"
- Die
Führungskraft will Informationen sammeln oder Meinungen beeinflussen
- Aber
sie will nicht selbst agieren
- Also:
Sie schickt den Mitarbeiter vor
- Der
Mitarbeiter soll so tun, als handle er aus eigenem Antrieb
Warum ist das toxisch?
- Der
Mitarbeiter wird zum Spion oder Manipulator gemacht
- Er
verliert seine Glaubwürdigkeit
- Er
übernimmt das Risiko – die Führungskraft bleibt sauber
Beispiel 3: "Kritisiere Person Y – aber subtil"
- Die
Führungskraft will jemanden loswerden oder kleinhalten
- Aber
sie will nicht selbst kritisieren (das wäre zu offensichtlich)
- Also:
Sie bittet den Mitarbeiter, "kritisches Feedback" zu geben
- Der
Mitarbeiter wird zum Werkzeug des Mobbings
Warum ist das toxisch?
- Der
Mitarbeiter wird in Konflikte hineingezogen, die nicht seine sind
- Er
wird zum Mittäter in toxischem Verhalten
- Wenn
es auffliegt, ist er der Schuldige
Muster 3: Reputational Assassination – Der systematische
Rufmord
Was ist Reputational Assassination?
Die systematische, oft subtile Zerstörung des
professionellen Rufs eines Mitarbeiters – um ihn loszuwerden, zu kontrollieren
oder als Bedrohung zu neutralisieren.
Warum macht eine Führungskraft das?
Grund 1: Der Mitarbeiter ist eine Bedrohung
- Er
ist zu kompetent (er könnte die Führungskraft ersetzen)
- Er
ist zu sichtbar (die Geschäftsführung könnte ihn wahrnehmen)
- Er
hat eigene Ideen (er könnte die Autorität der Führungskraft untergraben)
Grund 2: Der Mitarbeiter hat "Nein" gesagt
- Er
hat sich geweigert, manipulativ zu agieren
- Er
hat sich geweigert, Ideen als fremde zu verkaufen
- Er
hat sich geweigert, zu lügen oder zu schweigen
Grund 3: Der Mitarbeiter will weg
- Er
hat einen Teamwechsel beantragt
- Die
Führungskraft will das verhindern (sie braucht ihn)
- Also:
Sie zerstört seinen Ruf, damit niemand ihn haben will
Wie funktioniert Rufmord konkret?
Phase 1: Säen von Zweifeln (subtil)
Die Führungskraft streut vage, aber negative Andeutungen:
- "Ich
mache mir Sorgen um Michael. Er wirkt in letzter Zeit... verändert."
- "Michael
ist fachlich gut, aber menschlich kompliziert geworden."
- "Ich
versuche ja, Michael zu unterstützen, aber er zieht sich immer mehr
zurück."
Wichtig: Es klingt wie Sorge. Nicht wie Angriff.
Phase 2: Selektive negative Darstellung
Die Führungskraft berichtet nur Negatives nach oben:
- Kleine
Fehler werden groß gemacht
- Erfolge
werden verschwiegen oder heruntergespielt
- Konflikte
werden einseitig dargestellt ("Michael war wieder schwierig")
Phase 3: Isolation
Die Führungskraft schneidet den Mitarbeiter von Ressourcen
ab:
- Keine
spannenden Projekte mehr
- Keine
Einladungen zu wichtigen Meetings
- Kein
Zugang zu Entscheidern
- Blockierung
von Teamwechseln
Phase 4: Öffentliche Demütigung (dosiert)
Die Führungskraft kritisiert den Mitarbeiter öffentlich:
- In
Team-Meetings
- In
E-Mails (mit CC an andere)
- In
Gesprächen mit Kollegen
Aber: Immer dosiert. Nie so offensichtlich, dass es als
Mobbing erkennbar ist.
Phase 5: Die Falle
Die Führungskraft provoziert eine Reaktion:
- Sie
kritisiert den Mitarbeiter so lange, bis er sich wehrt
- Wenn
er sich wehrt, ist er "emotional", "unkollegial",
"schwierig"
- Wenn
er nicht reagiert, wird die Kritik als berechtigt interpretiert
Das Ergebnis:
- Der
Mitarbeiter ist verbrannt
- Niemand
will ihn mehr im Team haben
- Sein
Ruf ist nachhaltig beschädigt
- Er
hat nur noch die Option: Kündigen
Die perfide Logik:
Die Führungskraft kann später sagen:
"Ich habe alles versucht. Aber Michael wollte nicht.
Er hat sich selbst isoliert. Ich konnte nichts mehr für ihn tun."
Und es klingt glaubwürdig.
Muster 4: Gatekeeping – Die Kontrolle über Sichtbarkeit
und Entwicklung
Was ist Gatekeeping?
Die Führungskraft kontrolliert systematisch, wer Zugang zu
Ressourcen, Entscheidern oder Entwicklungschancen hat – und nutzt diese Macht,
um Mitarbeiter klein zu halten.
Konkrete Formen:
Form 1: Blockierung von Sichtbarkeit
- Mitarbeiter
dürfen nicht mit der Geschäftsführung sprechen
- Mitarbeiter
dürfen nicht in strategischen Meetings präsentieren
- Mitarbeiter
werden in E-Mails nicht erwähnt oder in CC gesetzt
- Mitarbeiter
werden bei Erfolgen nicht genannt
Resultat: Der Mitarbeiter bleibt unsichtbar. Seine
Leistungen werden nicht wahrgenommen.
Form 2: Blockierung von Entwicklung
- Weiterbildungsanträge
werden abgelehnt ("Das brauchen wir nicht")
- Neue
Projekte werden nicht an kompetente Mitarbeiter vergeben ("Dafür
brauche ich jemand Erfahreneren")
- Teamwechsel
werden verhindert ("Du bist hier unverzichtbar")
- Beförderungen
werden blockiert ("Du bist noch nicht so weit")
Resultat: Der Mitarbeiter stagniert. Er entwickelt
sich nicht weiter. Er ist gefangen.
Form 3: Kontrolle von Informationen
- Wichtige
Informationen werden nur selektiv weitergegeben
- Mitarbeiter
werden aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen
- Mitarbeiter
erfahren Entscheidungen als letzte
- Mitarbeiter
haben keinen Zugang zu strategischen Dokumenten
Resultat: Der Mitarbeiter kann nicht mitgestalten. Er
ist abhängig. Er ist machtlos.
Warum ist das so effektiv?
Weil es legitim aussieht:
- "Ich
muss priorisieren, wer zu welchem Meeting geht."
- "Ich
muss entscheiden, wer welches Budget bekommt."
- "Ich
muss steuern, wer welche Projekte bekommt."
Das ist Führungsaufgabe. Aber toxische Führungskräfte nutzen
diese Macht nicht zum Wohl des Teams – sondern zur Kontrolle.
Teil 3: Der Schaden für das Unternehmen – Die versteckten
Kosten toxischer Projektleiter
Was in Michaels Geschichte passiert ist, passiert jeden Tag.
In Tausenden von Unternehmen.
Und die Kosten sind enorm.
Kosten 1: Verlust von Top-Talenten
Was passiert:
Die besten, kompetentesten, motiviertesten Mitarbeiter gehen
– weil sie sich nicht entfalten können, nicht gesehen werden, nicht geschätzt
werden.
Die Rechnung:
- Michael
verdiente 60.000 Euro/Jahr
- Er
war hochkompetent (Top 10% der Entwickler)
- Seine
Ersatzkosten: 90.000-180.000 Euro (Rekrutierung, Onboarding,
Produktivitätsverlust)
- Seine
verlorene Wertschöpfung: Unbezifferbar
Wenn das pro Jahr 3x passiert:
Kosten: 270.000-540.000 Euro.
Nur für den Verlust von drei Mitarbeitern.
Kosten 2: Zerstörung von Innovation
Was passiert:
Mitarbeiter hören auf, Ideen einzubringen – weil sie wissen,
dass andere die Lorbeeren ernten.
Das Ergebnis:
- Keine
neuen Produkte
- Keine
Prozessverbesserungen
- Keine
Wettbewerbsvorteile
- Stagnation
In einer sich schnell verändernden Welt ist das tödlich.
Kosten 3: Toxische Kultur wird zum Standard
Was passiert:
Wenn toxische Führungskräfte nicht gestoppt werden, lernen
andere:
"So funktioniert es hier. Wenn ich nach oben will,
muss ich auch so agieren."
Das Ergebnis:
- Mehr
Credit Stealing
- Mehr
Manipulation
- Mehr
Rufmord
- Mehr
Gatekeeping
Eine toxische Kultur entsteht. Und sie ist
selbstverstärkend.
Kosten 4: Verlust von Vertrauen
Was passiert:
Mitarbeiter vertrauen ihren Führungskräften nicht mehr. Sie
vertrauen HR nicht mehr. Sie vertrauen der Geschäftsführung nicht mehr.
Das Ergebnis:
- Keine
offene Kommunikation mehr
- Keine
Fehlerkultur mehr
- Keine
psychologische Sicherheit mehr
- Menschen
arbeiten defensiv, nicht innovativ
Kosten 5: Employer Branding wird zerstört
Was passiert:
Michael erzählt seine Geschichte. Auf Kununu. Auf Glassdoor.
Auf LinkedIn.
Andere erzählen ihre Geschichten.
Das Ergebnis:
- Schlechte
Bewertungen
- Negativer
Ruf
- Top-Talente
bewerben sich nicht mehr
- Rekrutierungskosten
steigen
Teil 4: Was Personalentwicklung tun muss – Systemische
Lösungen
Hier kommt der wichtigste Teil: Was kann und muss
Personalentwicklung tun?
Hebel 1: Erkennungssysteme etablieren – Frühwarnsysteme
für toxische Führung
Problem:
Toxische Führungskräfte agieren subtil. Sie werden oft erst
sichtbar, wenn der Schaden schon da ist.
Lösung: Systematische Datenerfassung
Maßnahme 1: Quartalsweise anonyme Team-Pulse-Surveys
Kurze Umfragen (5-7 Fragen), anonym:
- "Fühlst
du dich von deiner Führungskraft wertgeschätzt?"
- "Werden
deine Ideen und Beiträge anerkannt?"
- "Hast
du Vertrauen in deine Führungskraft?"
- "Würdest
du deine Führungskraft weiterempfehlen?"
Wichtig: Differenzierung nach Teams. Wenn ein Team
systematisch schlechter bewertet: Red Flag.
Maßnahme 2: Fluktuationsanalyse nach Teams
- Welche
Teams haben hohe Fluktuation?
- Wo
gehen die besten Leute?
- Gibt
es Muster?
Wenn in Thomas' Team in 18 Monaten 5 gute Leute gehen:
Das ist kein Zufall.
Maßnahme 3: Exit-Interviews ernst nehmen
Michael hat in seinem Exit-Interview die Wahrheit gesagt.
Aber HR hat nichts unternommen.
Warum?
- "Das
ist nur seine Meinung"
- "Wir
haben keine Beweise"
- "Thomas
ist doch fachlich gut"
Richtig wäre:
Wenn mehrere Exit-Interviews dasselbe Muster zeigen →
Investigation.
Maßnahme 4: 360-Grad-Feedback für alle Führungskräfte –
verpflichtend, jährlich
Strukturiertes Feedback von:
- Team
- Peers
- Vorgesetzten
Dimensionen:
- Wertschätzung
und Anerkennung
- Transparenz
- Förderung
von Mitarbeitern
- Fairness
- Vertrauen
Wenn Thomas systematisch schlecht bewertet wird: Handeln.
Hebel 2: Konsequenzen etablieren – Null-Toleranz für
toxisches Verhalten
Problem:
Selbst wenn toxische Führung erkannt wird, passiert oft
nichts – weil die Führungskraft "fachlich gut" ist oder
"Ergebnisse liefert".
Aber:
Ergebnisse auf Kosten von Menschen sind keine Ergebnisse.
Sie sind Raubbau.
Lösung: Klarer Eskalationsprozess
Stufe 1:
Feedback und Coaching (3 Monate)
- 360-Grad-Feedback
zeigt Problem
- Gespräch
mit HR und Vorgesetztem
- Coaching
verpflichtend (extern, 10 Sitzungen)
- Klare
Erwartungen: "Dieses Verhalten muss sich ändern"
Stufe 2:
Performance Improvement Plan (3 Monate)
- Konkrete
Ziele: "Du musst wöchentlich Anerkennung im Team-Meeting geben"
- Messbare
Kriterien: "Team-Pulse-Survey muss sich um X Punkte verbessern"
- Regelmäßige
Reviews (alle 2 Wochen)
Stufe 3: Trennung
Wenn keine Besserung: Trennung. Auch bei fachlich guten
Führungskräften.
Warum so hart?
Weil sonst die Botschaft lautet:
"Toxisches Verhalten wird geduldet, solange die
Zahlen stimmen."
Und dann wird sich nichts ändern.
Hebel 3: Credit-Transparency-Systeme – Wer leistet was?
Problem:
In vielen Organisationen ist unklar, wer welchen Beitrag
geleistet hat.
Das macht Credit Stealing einfach.
Lösung: Transparente Dokumentation
Maßnahme 1: Projektdokumentation mit Autorschaft
- Jedes
Dokument, jedes Konzept hat einen Autor
- Bei
Präsentationen: Nennung der Beiträge ("Konzept von Michael,
Präsentation durch Thomas")
- Öffentliche
Anerkennung in Town Halls ("Dieses Projekt wurde von Michael
entwickelt")
Maßnahme 2: Interne Plattformen für Ideen
- Mitarbeiter
können Ideen direkt einstellen
- Mit
ihrem Namen
- Transparent
für alle
Wenn die Idee umgesetzt wird: Der Autor ist bekannt.
Hebel 4: Bypass-Strukturen – Direkte Kommunikationswege
Problem:
Toxische Führungskräfte blockieren den Zugang zur
Geschäftsführung.
Lösung: Strukturierte Bypass-Möglichkeiten
Maßnahme 1: Offene Sprechstunden der Geschäftsführung
- Jeden
Monat: 2 Stunden "Office Hours"
- Jeder
Mitarbeiter kann kommen (ohne Voranmeldung, ohne Führungskraft)
- Anonym
(wenn gewünscht)
Maßnahme 2: Skip-Level-Meetings
- Die
Geschäftsführung spricht regelmäßig mit Mitarbeitern – ohne deren
Führungskraft
- "Wie
läuft es wirklich? Was sollte ich wissen?"
Maßnahme 3: Anonyme Whistleblowing-Kanäle
- Mitarbeiter
können toxisches Verhalten melden
- Anonym
- Mit
Schutz vor Repressalien
Hebel 5: Führungskräfteentwicklung neu denken – Character
over Competence
Problem:
Viele Organisationen befördern nach fachlicher Kompetenz –
nicht nach Führungsqualitäten.
Das Ergebnis:
Brillante Experten werden zu toxischen Führungskräften.
Lösung: Neue Beförderungskriterien
Kriterium 1: Führungswille (nicht nur fachliche Eignung)
- Will
diese Person wirklich Menschen entwickeln?
- Oder
will sie nur den Titel und das Gehalt?
Kriterium 2: Nachgewiesene Führungsqualitäten
- Hat
diese Person schon Kollegen unterstützt?
- Hat
sie Wissen geteilt oder gehortet?
- Wie
gehen Peers mit ihr um?
Kriterium 3: 360-Grad-Feedback vor Beförderung
Bevor jemand Führungskraft wird:
- Feedback
von aktuellen Kollegen
- "Würdest
du für diese Person arbeiten wollen?"
Wenn das Feedback negativ ist: Keine Beförderung.
Auch wenn die Person fachlich brillant ist.
Epilog: Was aus Michael wurde – und was hätte anders
laufen können
Michael arbeitet heute bei einem anderen Unternehmen.
Er ist glücklich. Er wird geschätzt. Seine Ideen tragen
seinen Namen.
Aber:
Es hat 8 Monate gedauert, bis er wieder Vertrauen hatte. Bis
er wieder Ideen teilte. Bis er wieder glaubte, dass Engagement sich lohnt.
Die Narben von Thomas sind geblieben.
Was hätte anders laufen können?
Szenario 1: HR hätte reagiert
Nach Michaels Exit-Interview hätte HR Thomas' Team
analysiert:
- 5
Kündigungen in 18 Monaten
- Alle
kompetente Mitarbeiter
- Alle
mit ähnlichen Geschichten
HR hätte eine Investigation gestartet.
Szenario 2: Die Geschäftsführung hätte hingeschaut
Herr Weber hätte nicht nur Thomas' Version gehört, sondern
auch Michaels.
Er hätte Skip-Level-Meetings gemacht.
Er hätte das Muster erkannt.
Szenario 3: Es hätte ein Feedbacksystem gegeben
Anonyme Team-Umfragen hätten schon nach 3 Monaten gezeigt:
In Thomas' Team stimmt etwas nicht.
Szenario 4: Es hätte Konsequenzen gegeben
Thomas hätte nach dem ersten Vorfall (Credit Stealing)
Feedback bekommen.
Coaching.
Klare Erwartungen.
Und wenn er sich nicht geändert hätte: Trennung.
Aber nichts davon ist passiert.
Und deshalb ist Michael heute weg.
Und Thomas? Thomas führt weiterhin ein Team.
Und irgendwo, gerade jetzt, passiert dasselbe wieder.
Mit einem neuen Michael.
Fazit: Die Verantwortung von Personalentwicklung
Diese Geschichte zeigt:
Toxische Führungskräfte zerstören nicht nur einzelne
Karrieren.
Sie zerstören:
- Vertrauen
- Innovation
- Kultur
- Talente
- Reputation
Und sie kosten Millionen.
Personalentwicklung hat die Verantwortung:
Nicht nur zu entwickeln. Sondern auch zu schützen.
Nicht nur zu fördern. Sondern auch zu korrigieren.
Nicht nur zu beraten. Sondern auch zu intervenieren.
Die Frage ist nicht:
"Können wir es uns leisten, toxische Führung zu
beenden?"
Die Frage ist:
"Können wir es uns leisten, sie zu dulden?"
Die Antwort ist klar: Nein
Über den Autor:
Kyriakos Papadopoulos schreibt über Personalentwicklung, toxische Führung und die Zukunft der Arbeit. Seine Bücher: "Personalentwicklung: Zwischen Macht, Führung und Wirklichkeit". Mehr auf KPAuthor.io.


Kommentare
Kommentar veröffentlichen