Die Führungskräfte-Erschöpfungsfalle: 61,6 Prozent sind am Limit
61,6 Prozent der Führungskräfte in Deutschland fühlen sich erschöpft. Frauen sind mit 65 Prozent stärker betroffen als Männer, und in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen geben sogar 72 Prozent an, ausgebrannt zu sein. Das ist keine persönliche Schwäche – das ist ein systemisches Versagen. Unternehmen fördern Menschen in Führungspositionen, geben ihnen mehr Verantwortung, höhere Ziele und komplexere Herausforderungen – aber keine Strategien, um den gestiegenen Stress zu bewältigen.
Das Paradox der Führungsrolle
Führungskräfte sind gleichzeitig Leistungsträger und
Unterstützer, Entscheider und Vermittler, Visionäre und Feuerwehr. Sie sollen
Teams motivieren, während sie selbst keine Motivation erhalten. Sie sollen
Work-Life-Balance predigen, während sie täglich über 8 Stunden arbeiten – über
80 Prozent tun das. Sie sollen psychologische Sicherheit schaffen, während sie
selbst keine Fehler machen dürfen. Fast jede fünfte Führungskraft war bereits
ausgebrannt – bei Frauen sind es sogar 23 Prozent.
Die Pronova-Studie zeigt: 61 Prozent aller Beschäftigten fürchten ein Burn-out, jeder fünfte stuft die Gefahr als hoch ein. Bei Führungskräften ist die Rate noch höher. Und die Konsequenzen sind massiv: Im Schnitt fehlen Betroffene 30 Tage am Arbeitsplatz. Bei Führungskräften bedeutet das: Teams ohne Leitung, Projekte ohne Koordination, Entscheidungen, die liegenbleiben – und im schlimmsten Fall eine Kettenreaktion, bei der das gesamte Team ins Wanken gerät.
Key Takeaways:
- 61,6
Prozent der Führungskräfte in Deutschland sind erschöpft
- 72
Prozent der 30- bis 39-jährigen Führungskräfte fühlen sich ausgebrannt
- Über
80 Prozent der Führungskräfte arbeiten täglich mehr als 8 Stunden
- Burn-out-Betroffene
fehlen durchschnittlich 30 Tage am Arbeitsplatz
- Psychologische
Sicherheit erhöht Mitarbeiterengagement und Produktivität
Die versteckten Ursachen: Warum Führungskräfte ausbrennen
Die Hauptgründe für Burn-out sind laut Pronova: Überstunden
(34 Prozent), ständiger Termindruck (32 Prozent), körperliche Belastung,
ständige Erreichbarkeit und schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch
das sind nur die Symptome. Die eigentliche Ursache liegt tiefer: Führungskräfte
werden nicht auf die emotionale und psychologische Belastung ihrer Rolle
vorbereitet. Sie lernen, wie man Budgets plant, Strategien entwickelt und Teams
organisiert – aber nicht, wie man mit chronischem Stress, Ambiguität und der
Einsamkeit der Führungsrolle umgeht.
Eine Studie der ias-Gruppe zeigt: Fast jede zweite
Führungskraft befürchtet den Burn-out. Die Gründe: zunehmend komplexe
Herausforderungen kombiniert mit hoher Geschwindigkeit, Unsicherheit und
starkem Erfolgsdruck von oben. Führungskräfte sind im Sandwich gefangen –
zwischen den Erwartungen der Geschäftsleitung und den Bedürfnissen ihrer Teams.
Sie müssen Strategien umsetzen, die sie nicht immer mittragen, und gleichzeitig
die Motivation ihrer Teams hochhalten.
Praxis-Beispiel:
Situation: Eine 36-jährige Vertriebsleiterin in einem
Mittelstandsunternehmen führt ein Team von 12 Personen. Sie arbeitet 10-11
Stunden täglich, ist abends und am Wochenende erreichbar, und hat seit 18
Monaten keinen Urlaub genommen.
Problem: Trotz guter Zahlen fühlt sie sich zunehmend
erschöpft, hat Schlafstörungen und bemerkt, dass sie ungeduldig mit ihrem Team
wird. Ihr Vorgesetzter lobt ihre Performance und gibt ihr zusätzliche Projekte
– ohne zu realisieren, dass sie am Limit ist.
Analyse: Die Führungskraft hat nie gelernt, Grenzen
zu setzen. Sie interpretiert "gute Führung" als ständige
Verfügbarkeit und Leistungsbereitschaft. Ihr Vorgesetzter erkennt die
Warnsignale nicht, weil die Zahlen stimmen. Es gibt keine strukturierten Check-ins
zur mentalen Gesundheit, und die Unternehmenskultur belohnt Überarbeitung statt
nachhaltiger Performance.
Lösung: HR interveniert nach einem emotionalen
Zusammenbruch in einem Meeting. Die Führungskraft erhält externes Coaching,
reduziert ihre Wochenarbeitszeit auf 45 Stunden (mit klaren Grenzen), delegiert
30 Prozent ihrer Aufgaben an zwei entwicklungsbereite Team-Mitglieder und nimmt
3 Wochen Auszeit. Das Unternehmen implementiert monatliche "Mental Health
Check-ins" für alle Führungskräfte und etabliert eine
"No-Weekend-Emails"-Policy. Nach 6 Monaten: Die Führungskraft ist
wieder leistungsfähig, ihr Team ist engagierter (weil sie als Vorbild gesunde
Grenzen vorlebt), und zwei Team-Mitglieder entwickeln sich zu zukünftigen
Führungskräften.
Psychologische Sicherheit: Der Schlüssel zur nachhaltigen
Führung
Googles Projekt Aristoteles untersuchte 250 Eigenschaften
von 180 Teams und fand heraus: Psychologische Sicherheit ist der wichtigste
Faktor für Teamerfolg. Teams, in denen sich Mitglieder sicher fühlen, offen zu
sprechen und Fehler zu machen, schneiden deutlich besser ab. Doch diese
Sicherheit beginnt nicht im Team – sie beginnt bei der Führungskraft selbst.
Eine ausgebrannte, überlastete Führungskraft kann keine psychologische
Sicherheit schaffen. Sie wird defensiv, kontrollierend und unberechenbar – genau
die toxischen Muster, die Teams zerstören.
Der Harvard Business Review zeigt: Unternehmen mit hoher
psychologischer Sicherheit haben höheres Mitarbeiterengagement, mehr
Kreativität und bessere Produktivität. Eine deutsche Studie mit 47
mittelständischen Unternehmen belegt: Psychologische Sicherheit hat einen
positiven Effekt auf die Unternehmensleistung. Doch wie schafft man diese
Sicherheit, wenn Führungskräfte selbst keine haben?
Was NICHT funktioniert:
- Erwarten,
dass Führungskräfte "härter" sein sollen
- Burn-out
als individuelles Versagen abtun
- Work-Life-Balance
predigen, aber Überarbeitung belohnen
- Keine
strukturierten Unterstützungssysteme für Führungskräfte
- Führungskräfte
isolieren ("Du musst das alleine schaffen")
Was funktioniert:
- Peer-Support-Gruppen
für Führungskräfte (sichere Räume zum Austausch)
- Verpflichtendes
Coaching ab einer bestimmten Führungsebene
- Klare
Arbeitszeitgrenzen (auch für Führungskräfte)
- Mental
Health Check-ins als Standard (nicht als Schwäche)
- Delegation
als Führungskompetenz lehren und fördern
Die Delegations-Lücke: Warum Führungskräfte nicht
loslassen können
61 Prozent der Führungskräfte würden Aufgaben gern abgeben –
tun es aber nicht. Warum? Weil Delegation als Schwäche interpretiert wird. Weil
sie glauben, niemand kann es so gut wie sie. Weil sie Kontrolle behalten
wollen. Weil sie nie gelernt haben, wie man richtig delegiert. Das Ergebnis:
Führungskräfte ertrinken in operativen Aufgaben, während ihre eigentliche Rolle
– strategisch denken, Teams entwickeln, Entscheidungen treffen – vernachlässigt
wird.
Effektive Delegation bedeutet nicht, Aufgaben abzugeben und
zu hoffen, dass es klappt. Es bedeutet: Aufgaben mit klaren Erwartungen
übertragen, Ressourcen bereitstellen, regelmäßiges Feedback geben und Vertrauen
in die Kompetenz der Mitarbeitenden haben. Das ist eine Führungskompetenz, die
systematisch entwickelt werden muss – und die messbar die Belastung von
Führungskräften reduziert.
Checkliste: Bin ich erschöpfungsgefährdet?
Beantworte ehrlich:
- Arbeite
ich regelmäßig mehr als 50 Stunden pro Woche?
- Bin
ich abends und am Wochenende ständig erreichbar?
- Habe
ich in den letzten 12 Monaten weniger als 3 Wochen Urlaub genommen?
- Fällt
es mir schwer, Aufgaben zu delegieren?
- Fühle
ich mich chronisch müde, auch nach Ruhephasen?
- Bin
ich ungeduldig oder gereizt mit meinem Team (mehr als früher)?
- Habe
ich das Gefühl, nie "genug" zu leisten?
- Vernachlässige
ich meine Gesundheit, Hobbys oder Beziehungen?
Wenn 3 oder mehr Punkte zutreffen: Hohes Erschöpfungsrisiko
– sofortige Gegenmaßnahmen erforderlich (Coaching, Delegation,
Arbeitszeitreduktion).
Wenn 5 oder mehr Punkte zutreffen: Kritischer Zustand –
professionelle Unterstützung und strukturelle Veränderungen notwendig.
Von der Erschöpfung zur nachhaltigen Führung: Ein
Implementierungsplan
Der Weg aus der Erschöpfungsfalle erfordert individuelle und
organisatorische Maßnahmen. Auf individueller Ebene: Führungskräfte müssen
lernen, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und Selbstfürsorge nicht als Luxus,
sondern als Notwendigkeit zu betrachten. Auf organisatorischer Ebene:
Unternehmen müssen Strukturen schaffen, die nachhaltige Führung ermöglichen –
nicht nur fordern.
AIHR identifiziert 11 zentrale Employee Engagement
Initiativen für 2026, darunter Leadership Training, Wellness-Programme und
Mentorship. Doch diese Programme müssen nicht nur für Mitarbeitende, sondern
auch für Führungskräfte zugänglich sein. Eine Führungskraft, die selbst
erschöpft ist, kann kein Engagement fördern. Der erste Schritt zu engagierten
Teams ist eine gesunde Führungskraft.
Schritt-für-Schritt: Erschöpfungsprävention für
Führungskräfte
Stufe 1: Bewusstseinsbildung
- Jährliches
Assessment der mentalen Gesundheit aller Führungskräfte
- Workshops
zu Stress-Management und Resilienz
- Offene
Kommunikation: Führungskräfte teilen ihre Herausforderungen (Vorbilder
schaffen)
Stufe 2: Strukturelle Unterstützung
- Peer-Support-Gruppen
(6-8 Führungskräfte, monatliche Treffen, externer Moderator)
- Verpflichtendes
Coaching ab mittlerer Führungsebene (mindestens quartalsweise)
- Klare
Arbeitszeitgrenzen und No-Weekend-Email-Policy
Stufe 3: Skill-Entwicklung
- Delegation-Training
als Pflichtprogramm
- Konfliktmanagement
und schwierige Gespräche
- Boundary-Setting:
Wie setze ich gesunde Grenzen?
Stufe 4: Kulturwandel
- Belohnung
nachhaltiger Performance (nicht Überarbeitung)
- Führungskräfte,
die Urlaub nehmen und Grenzen setzen, werden als Vorbilder positioniert
- Mental
Health als strategisches Thema in Führungskräfte-Meetings
61,6 Prozent Erschöpfungsrate ist kein Naturgesetz – es ist
das Ergebnis von Systemen, die Führungskräfte überfordern ohne sie zu
unterstützen. Unternehmen, die in die mentale Gesundheit ihrer Führungskräfte
investieren, profitieren messbar: höhere Produktivität, bessere Retention,
engagiertere Teams. Die Frage ist nicht, ob du dir diese Investition leisten
kannst. Die Frage ist, ob du dir eine Generation ausgebrannter Führungskräfte
leisten kannst.
Deine Aktion jetzt:
Führe die Checkliste durch – für dich selbst oder für deine Führungskräfte.
Ehrlichkeit ist der erste Schritt. Intervention ist der zweite.
Weitere Impulse zur Personalentwicklung findest du auf KPAuthor.io – und
diskutiere gerne in den Kommentaren: Wie gehst du mit Führungs-Erschöpfung um?
Über den Autor:
Kyriakos Papadopoulos schreibt über Personalentwicklung, toxische Führung und die Zukunft der Arbeit. Seine Bücher: "Personalentwicklung: Zwischen Macht, Führung und Wirklichkeit". Mehr auf KPAuthor.io.
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#PsychologischeSicherheit #Resilienz
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